FOCUS – Hannover, Blues Garage, 12. Februar 2011 – eine Rezension von Thomas Schaumburg

Schon seit einigen Jahren habe ich eine Best-Of Focus in meiner Sammlung und vor einigen Monaten kamen noch zwei Studioalben hinzu. Einen ersten Song der Band kenne ich bereits seit meiner Abi-Zeit. Damals lief die Livefassung von „Hocus Pocus“ öfters in der Teestube der Schule, quasi als Katalysator für das Ungestüm mancher Abiturientenkollegen in der Zeit von Pershings und atomarer Bedrohung. Anfang des neuen Jahrtausends hatten sich Focus nach der vorangegangenen Auflösung in den Achtziger Jahren wieder zusammengefunden, allerdings ohne den wichtigen Gitarristen Jan Akkerman. Die wiederbelebte Formation hatte mich bisher weniger interessiert, wie das ja meist der Fall ist, wenn die erfolgreiche Besetzung nicht mehr zusammen kommt oder man die Band erst später entdeckt. Irgendwie denkt der Hörer landläufig, ohne Originalmitglieder sei das nix mehr. Obwohl wir genügend Bands kennen, wo das nicht der Fall ist. Letztes Jahr auf dem Burg Herzberg Festival sah ich dann FOCUS zum ersten Mal auf der Bühne. Und was soll ich sagen, wie bei manch anderer „alten“ Band waren die super drauf und haben ein tolles Konzert gespielt. Der Höhepunkt obendrein war für mich natürlich, dass Meister Thijs Van Leer gar nichts anderes als eine originale Hammond mit Lesliekabinett auf der Bühne hatte. Man kann diesen Sound einfach nicht mit anderen Mitteln ersetzen! Die ganze Performance kam so gut rüber, dass für mich feststand, dass ich mir das unbedingt nochmal „in Ruhe“ auf einer Hallenbühne ansehen mußte. Und dieses Jahr war es nun schon so weit, im Newsletter der Bluesgarage Hannover-Isernhagen, wo immer gute Acts auftreten, wurden FOCUS angekündigt. Also nix wie hin! Der Winter war soweit vorbei, aber genau am Tag des Ereignisses setzte wieder starker Schneefall ein und auf der A 7 Richtung Hannover wurden Staus gemeldet. Aber geplant, getan, das Hotel war auch gebucht – ohne Stornomöglichkeit. Nach gut dreieinhalb Stunden war der Weg dann geschafft, der Weg mußte letztlich direkt zum Club genommen werden. Vorher blieb keine Zeit mehr, um noch zum Hotel zu fahren. Als wir am Club ankamen, begann auch noch ein Eisregen und wir mussten anschließend ja noch das Hotel suchen. Na ja. Aber irgendwie war ich doch sehr froh, dass wir gefahren waren. In der Blues Garage war es ziemlich kalt, zu Essen gab es nur eine Kleinigkeit. Es war gefüllt, aber nicht voll, aber offenbar alles erwartungsvolle Fans der Band aus alten Tagen, aber auch Nachwuchs. Auf der Bühne stand wieder die Hammond, ein total verschrammtes und mit Klebeband zusammengehaltenes Teil. Das Schlagzeug von Originaldrummer Pierre Van Der Linden hatte zumindest an der Bassdrum auch schon Totalschaden erlitten. Das weitere Equipment bestand nur noch aus der Bassverstärkeranlage und einem Edel-Gitarrenamp. Also alles völlig spartanisch wie in den frühen siebziger Jahren. Wenn man beispielsweise das legendäre Colosseum Livealbum kennt, den vollen Sound und was da abgeht und sich dann mal die Bühnenfotos dazu anschaut – da stehen sechs Mann relativ eng auf einer völlig spartanischen Hallenbühne – das ist dasselbe Verhältnis. Und dann ging es auch schon los. Die Bandmitglieder kamen vermummt aus der Kälte rein, schnappten sich – immer noch in dicken Jacken und mit Tüchern zugebunden – die Instrumente. Ohne irgendwelches Vorgeplänkel ging es gleich in die Vollen mit der Nummer „Focus III“ – einer meiner Favoriten. Aller Anfahrtstress war nun völlig dem freudigem Erleben gewichen. Purer Hammondklang durchdringt den Raum, trägt den Gesamtsound und füllt dazu den Hintergrund bis in die Tiefen voll aus. Man meint, es müssten noch irgendwo die Streicher sitzen. Und doch sind nur vier Mann auf der Bühne. Das macht die Hammond aus ! Die Musik von FOCUS ist eine einzigartige Kombination oder besser Verschmelzung aus Rock, Klassik und Jazz. Eine sagenhafte Filigranität wohnt ihr inne. Jeder Ton wird zelebriert. Die Gitarre trägt die Melodiebögen fast zerbrechlich zart von einer Harmonie zur nächsten. Dann und wann brandet es allerdings auf und von Schlagzeug und Bass getrieben schwillt der Sound dynamisch an, bricht zuweilen förmlich los. Dann rockt auch die Gitarre voll ab. Der Gitarrist legt eine sehr große Dynamik ins Spiel. Die aktuelle Setlist umfasst neben einigen Klassikern auch Titel aus den verschiedenen Abschnitten der neueren Bandgeschichte, die den Klassikern aber kaum nachstehen Eine Band, die vergleichbare Musik macht, kann ich gar nicht nennen. Focus haben einfach einen eigenen Stil. Klangbestimmend im Sound ist neben der meist mehr jazzigen Gitarre die Hammondorgel (was für mich immens wichtig ist). Gesang kommt weniger vor, und wenn meist in Form von teils sakral anklingenden Backgroundchören. Auf der Bühne werden diese von Thijs Van Leer per Effekten mit zwei Mikros erzeugt. Auch mal was anderes. Gitarrist Menno Gootjes ist, wie wir dann erfahren, erst ganz frisch zur Band gestoßen, ist also nicht der Gitarrist, den wir noch auf dem Herzberg hörten. Aber es wird sofort klar, dass dieser noch relativ junge Musiker (35) ein Ausnahmetalent ist. Wie locker er das ganze Set spielt und was er dabei an Virtuosität und auch verborgener Power aufblitzen lässt, deuten darauf hin. Entsprechend wird er dann auch von Bandleader Thijs Van Leer als bereits zu Lebzeiten als legendär geltender Gitarrist vorgestellt. Wie Frau Leer am CD-Stand erzählt, handelt es sich bei Menno um den Lehrer seines Vorgängers in der Band. Er hat u.a. auch schon CDs mit Metalbands aufgenommen, was ja nun eine völlig andere Welt ist. Thijs Van Leer ist der Kopf der Band, schon immer gewesen, in den Siebzigern noch unterstützt von Gitarrist Jan Akkerman. Seit der Reunion Ende der Neunziger ist der langjährige Drummer Pierre Van der Linden wieder dabei und neu Bassist Bobby Jacobs, der auch Songs beisteuert. Bei der Reunion war Gitarrist Jan Dumee dabei, der dann später mit John Lawton das „On The Rocks“ Projekt startete. Diesem folgte Niels van der Steenhoven und jetzt der neue Mann. Am 21. März ging die neue Band ins Studio, um das neue Album „Focus 10“ aufzunehmen. Es wird bestimmt eine tolle Scheibe !

Thomas Schaumburg

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