Uriah Heep – Wake The Sleeper (Rezension von Heinz-Ulrich Tenkotten)

Nach langer, langer Zeit, nach einer ganzen Dekade, ist sie nun endlich erschienen: die neueste CD von Uriah Heep. Ich will jetzt nicht sagen, das Warten hat sich gelohnt. Auf keinen Fall. Eine solche Warterei ist für jeden echten Fan eine Qual. Aber:

Cover of
Cover of Wake the Sleeper

Als ich in der Nacht zum 30. Mai 2008 die Scheibe zum ersten Male hörte, legte ich die Ohren an. Sozusagen. Was für ein Sound… was für eine Dynamik…
Schon der erste Track, „Wake The Sleeper“, ist ein Statement. Rasant, in der Grundstruktur einfach, und doch filigran… da weiß man was man hat und woran man ist… Harter, rockiger Heepsound mit enormem Tempo, fast wie in den frühen 70ern oder auch 80ern des letzten Jahrhunderts.

Und es geht weiter so. Ich weiß nicht, ich glaube, nie klangen Uriah Heep rockiger, konsequenter und härter und irgendwie düsterer wie auf diesem neuesten Werk. Und das Track für Track. Es gibt keine Zeit zum Verweilen, zum Träumen, zum Ausruhen. Geradezu rastlos folgt ein Hardrock-Stück dem nächsten, die Scheibe atmet schwere metallische Dämpfe, sie lässt die Ohren dröhnen beim Stampfen und Vorwärtsdrängen.
Alles auf der Basis bekannter UH-Elemente: Mehrstimmiger Chorgesang und das „Ah-ah-ah“ sind wieder reichlich zu vernehmen, die Melodieführung ist eingängig und die Instrumentierung klassisch, durchweg. Keine Experimente in der Hinsicht. Vocals, Guitars, Keyboards, Bass, Drums. Und doch, für mich klingt das Ganze dunkler, heftiger und energiegeladener als üblich in den letzten Jahrzehnten.

Woran liegt’s?
Ist es der neue Drummer, Russell Gillbrook, der die Band entschiedener antreibt? Ansichtssache. Nun war Lee Kerslake (the Drummer of my youth) ebenfalls immer ein Energiebündel, da dürfte es keine zwei Meinungen geben. Es steht jedoch außer Zweifel, dass Russell mehr als nur Ersatz ist, ein würdiger Nachfolger, mit eigenem, dynamischen Stil. Sein rhythmisches Repertoire ist beeindruckend, und ohrenbetäubend.

Für mich ist die Überraschung Bernie. Nie war er, wie soll ich das sagen, so eigenständig in seinem Gesang, abwechslungs- und einfallsreich, ein Frontman, der Heep nun mit seiner Stimme prägt.
Die zweite Überraschung ist Phil Lanzon. Entschieden bleibt er beinahe durchgehend am Hammond-Sound. Er spielt die echte Rock organ die Tonleitern rauf und runter, wie ich sie von ihm noch nie gehört habe. Absolut im Stil der ersten Heep-Jahre. Fantastisch.

Dazu ein losgelöster, fetziger Mick Box, der seine Gitarren-Riffs geradezu lässig, fast mit Understatement, einem um die Ohren haut, Wah-wah-verzerrt und schmutzig genial, manchmal auch ein bis zwei Oktaven über allem schwebend. Hey, Mick, wie alt bist du eigentlich? Siebzehn? Es haben sich schon jüngere wesentlich älter angehört.
Last but not least Trevor Bolder. Gandenlos sein Bass… gelegentlich wie versteckt, nur mit dem Bauch und den Zehenspitzen zu erahnen, gelegentlich präzise und klar, dann wieder im Vordergrund gezupft, wie ein Soloinstrument. Alleine Trevors Song „Angles Walk With You“ ließ mir den Atem stocken. Dunkel und tief, wie man Heep so noch nicht kannte. Fantastisch.
Für mich schon jetzt eines der besten Heep-Scheiben der langen, langen Band Karriere.

Aber bevor ich zu sehr in Enthusiasmus abgleite: Vorsicht! Vorsicht!
Wie gesagt, die History der Band ist lang, und mancher Fan wird einen anderen Einstieg gefunden haben. Es muss ja nicht immer mit dem dröhnenden „Gypsy“ 1970 gewesen sein. Wie bei mir. Und nicht nur wegen der zahllosen Line-Ups, auch wegen einer ausgedehnten musikalischen Spannbreite und Experimentierfreudigkeit wird der eine oder die andere als Fan zur Band gestoßen sein. Sie oder er muss ja nicht ein absoluter Fan der Hardrock-Linie sein, wie ich…

Bei aller Kompaktheit, bei allen Heep-typischen Trademarks, man kann, hat man andere Vorlieben, eine Menge vermissen. Der Schläfer wird geweckt, mächtig, mit dröhnendem Klang, keine Frage, doch wozu?
Es fehlt die für UH sonst oft so typische, beliebte Ballade, absolut. Sie fehlt (wenn auch z.B. „What Kind Of God“ oder „Angles Walk With You“ wie eine beginnen).
Ebenso fehlt die zumindest für die Anfangszeit so unausweichliche wie prägnante Bluesnummer (wenn auch in „Shadow“ unter dem metallenen Gewand ein bluesiges Herz pocht).
Es fehlt die helle, durchsichtige, liebe- und meistens sehnsuchtsvolle Melodieführung, die für die Hensley-Zeit so typisch ist (wenn auch hier eine wesentlich einfachere Songstruktur bevorzugt wird als auf den letzten drei Scheiben zuvor und „Tears Of The World“ ein echter Heep-Song ist – bis auf die ein, zwei dunklen Zutaten…)
Es fehlen eindeutig die popigen, sagen wir, leichten Elemente – genauso wie die bombastischen, orchestralen Bläser- oder Streicher-Klänge…

Was wir hören ist kompakter, dunkler Hammersound, so, wie ich ihn liebe, so, wie ihn einst „Love Machine“ zu verheißen schien. Wahnsinn, für mich. Für manchen vielleicht eine Enttäuschung.
Trotzdem, Folgendes kann man dem Werk „Wake the Sleeper“ nicht absprechen. Es ist ohne Schnickschnack geschickt zusammengestellt, hat viele abwechslungs- und temporeiche Rhythmen, zeigt keine Schwächen, keine Songs, die fehl am Platze sind, entwirft eine einheitliche Atmo, und dröhnt durchgehend, wie zu besten Heep-Zeiten. Rock vom Feinsten. Man muss ihn nur mögen.

Das Booklet passt hervorragend zum Gesamteindruck, das Cover zeigt uns: Düsternis, in ihrer Würde und in ihrem Alter fast fremdartige Kunstwerke, Blitze und Wolken, und ganz, ganz schmal ein heller Streifen der Hoffnung am Horizont. Damit ist der Stil beschrieben.

Wo ist „Wake the Sleeper“ nun künstlerisch einzuordnen?
Schwer zu sagen, ich muss die Scheibe erst einmal noch so zwanzigmal hören und dann ein Jahr darüber schlafen. Zur Zeit ist  sie eines der absolut besten Alben der Band für mich. Doch das mag täuschen.
Mick erinnerte sich einmal, dass „Look At Yourself“, als es fertig war, sich so anhörte, wie die Band live klingen wollte. Das kann man von „WTS“ auch so sagen.
Elemente früherer Zeiten sind vorhanden, die Jungs bauen lässig, aber entschieden darauf. Anklänge an „See Of Light“ mag man hören, an „very ‚eavy, very ‚umble“, an „Look at yourself“, natürlich, an „Abominog“, weniger schon an die John Lawton- Ära, und wohl noch weniger an Unikate wie „High an Mighty“ und „Conquest“. Oder?

Aber reicht das entschieden rockige Auftreten, das hämmert wie „live on stage“, aus, es zu einem wirklich großen Album der Band-History zu machen? Mir reicht es. Andere mögen das anders sehen. Warum nicht? Ich geb‘ ja durchaus zu: ich bin nicht annäherungsweise unabhängig neutral. Ich bin ein Heep-Fan, und Fan kommt von fanatisch.
Jedenfalls: Ich wünsche allen Fans und Freunden viel Spaß mit der Scheibe.
Lasst euch wachrütteln und durchschütteln, englisch: let it rock you! In etwa.

Heep-on!!!

Heinz-Ulrich Tenkotten, 2008

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