Retro Story Teil V – Die Jahre 1984 und 1985 (von Thomas Schaumburg)

Wie man es heute schon an der Discografie ablesen kann, war das „George-Orwell-Jahr“ 1984 heepmäßig gesehen eher ein ereignisloses Jahr. Nach der allgemein superben Veröffentlichungsflut der vorangegangenen beiden Jahre wurde es wieder etwas ruhiger am Markt. Nachblickend betrachtet ging Mitte der 80er Jahre eine musikalische Ära zu Ende. Neue Produktionsmethoden und viele elektrifizierte Sounds hielten Einzug. Insbesondere die elektrisch klingenden Schlagzeuge kamen in Mode, die viele Platten für meine Ohren unmöglich machen. 

Bevor diese Veränderungen so richtig losgingen, hatte das Jahr 1984 aber noch einige Höhepunkte zu bieten. Ein Rockklassiker erschien auf der nach dem Jahr benannten LP von Van Halen, nämlich „Jump“. Veränderungen hielten aber hier schon Einzug durch erstmals eingesetzte Keyboards, man versuchte sich an neuen Klängen. Einen ähnlichen Soundumbruch machte eine andere klassische Hardrockband mit: Blackfoot. Nachdem Ken Hensley im Jahr zuvor überraschend dort eingestiegen war und Keyboards in die Gitarrenband eingeführt hatte, verschwamm der ehemals beinharte Rock der Truppe auf dem 84er Album „Vertical Smiles“ in weichen Keyboardsounds. Kurz darauf kam dann auch das Ende der Band. Die Plattenfirma hatte den Kurswechsel erzwungen und die Sache damit kaputt gemacht. Die Musiker zerstritten sich nach etlichen gemeinsamen Jahren heillos über die Veränderungen. Sie sind sich teils bis heute spinnefeind. Gerade kommt die Meldung herein, dass Drummer Jakson Spires gestorben ist. Hier wird es also kein Happy End mehr geben können.

Einige der großen Bands der New Wave Of British Heavy Metal konnten sich ungeachtet aller neuen Einflüsse weiterhin etablieren, die kleineren verloren an Boden und verschwanden von der Bildfläche. Judas Priest brachten mit „Defenders Of The Faith“ nochmal ein Kracheralbum heraus, bevor es wenig später dann auch ganz anders klingen sollte. Mein noch relativ frisch entdeckter Held Gary Moore legte mit „Victims Of The Future“ ein weiteres starkes Album vor, gleichzeitig auch sein härtestes. Die Scheibe kaufte ich mir am 2. Februar 1984, im Anschluß an die Musterung bei der Bundeswehr. Gary Moore’s Topband wurde allerdings durch den Wechsel von Ian Paice zu den reformierten Deep Purple geschwächt. Auf diesem Album spielte er nur noch einige Tracks. Die Wiederauferstehung von Deep Purple war auch noch ein Großereignis für der Rockwelt im Jahr 1984. Nach dem guten Reunion-Album ging es aber sehr bald wieder bergab, auch wegen Veränderungen der Musik.

Mit Yngwie Malmsteen veröffentlichte trat einer der ersten modernen und dauerhaft erfolgreichen Gitarrenhelden sein Solodebüt.
Aus dem weiteren Heepumfeld machte besonders in England der ehemalige Gitarrist und Mitkomponist der Byron Band, Robin George, mit seinem Album „Dangerous Music“ von sich reden. Auch er setzte ganz massiv elektronisches Equipment ein, obwohl es sich grundlegend um gitarrendominierte Rockmusik handelt.

Uriah Heep hatten nach Ihrer Reunion 1981 die beiden Alben „Abominog“ (1982) und Head First (1983) veröffentlicht. 1984 sollte keine neue Platte kommen. Der Vertrag war von Bronze Records auch nicht mehr verlängert worden. Ein Wendepunkt in der Bandgeschichte, war man doch vom Labelchef Gerry Bron groß gezogen worden.

Eine Tour in Deutschland war auch nirgends verkündet worden. Einzig eines Abends im November hörte ich beiläufig im Radio, dass ein Konzert in Birkelbach bei Erndtebrück stattfinden sollte. Zufällig kannte ich den Ort in der Nähe von Siegen, weil ich da Verwandtschaft habe. Das ist von mir zwei Fahrstunden entfernt und liegt mitten in der Pampa, sprich Rothaargebirge.

Da zudem Winterwetter war, musste ich die Sache dann aufstecken. Später im Fanclub erfuhr ich dann von Martin und Jürgen aus Siegen, dass sie dort gewesen waren. Es war deren erstes Heepkonzert und sie waren natürlich begeistert. Viele Jahre später, so Ende der 90er Jahre hatte ich Briefkontakt (jaja, kurz vor dem PC-Zeitalter, das bei mir ziemlich genau mit dem Jahrtausendwechsel Einzug hielt, gab es das noch) zu einem Heepfan aus der Gegend und der war auch dort gewesen. Und noch viel besser: nach einigen Briefwechseln lag eine Videokassette mit dem Konzert im Briefkasten!

Die Jungs hatten das Konzert filmen dürfen, hatten die Kamera allerdings vorsichtshalber bereits vor der Zugabe in Sicherheit geschafft. Ein seltenes Dokument aus dieser Zeit. Das Video war bis dato sonst nirgends aufgetaucht. Manchmal braucht es halt solche Zufallskontakte, dass etwas an eine breitere Öffentlichkeit kommt.
Später sah ich dann noch einen Fan mit einem tollen T-Shirt dieser Tour, die sich „Moving Air Tour“ nannte und vornehmlich durch Holland geführt hatte. Es waren nur drei deutsche Termine dabei. Ich meine in Berlin, Hannover und eben Erndtebrück.

1984 war es auch, als ich Post von Uriah Heep Plattenfirma Bronze Records erhielt. Man wollte Mitglieder für einen neuen Fanclub anwerben. Das ganze nannte sich „The Bronze Army“ und vertrat die bei Bronze unter Vertrag stehende Künstler. Das waren beispielsweise Motörhead, Girlschool, Manfred Mann’s Earthband, die als neues Flagschiff gehandelte Band „Bronz“ und auch unser Freund Robin George. Groß geworden ist daraus wohl nichts mehr, denn die Firma Bronze ging nach knapp 15 Jahren pleite.

Aber wie schon früher beschrieben, lebte ich als neuzehnjähriger ja auch in der Discozeit. Auch hier ging die Entwicklung der elektronischen Musik rasant vorwärts. Als immer mehr Klangeffekte einsetzen und Geräuschkulissen erzeugt wurden, hat mich das förmlich aus der Disco vertrieben. Der Hit „Let The Music Play“ von Shannon war so ein Auslöser, das dort enthaltene rhythmische Begleitpotential ging mir nur noch auf den Geist. Die ganze Szene veränderte sich dahingehend, selbst Depeche Mode fügten immer mehr solcher Geräuschkulissen ein (Master And Servant). So ging dann diese Phase mit dem Jahr 1984 auch zu Ende.

Interessant war noch, dass in meiner Stammdisco, die ja auch wavige Strömungen hatte, plötzlich ein Song gespielt wurde, der von einer mir vertrauten Stimme gesungen wurde. „Take It Round Again“ war die Auskopplung aus dem Album „Quick Quick Slow“ der Formation The Cry. Sagte mir gar nichts. Wie sich schnell herausfinden ließ, war das nichts anderes als das neueste Projekt von Fischer Z’s Mastermind John Watts. Sogar mit deren genialem Bassist David Graham wiedervereint.

Eine erwähnenswerte Neuentdeckung zeitloser Musik mit eigenem Sound und Stil auf dem großen Musikmarkt war Sade. Deren Musik gefällt und gefiel mir damals bis heute und wurde sowohl in der modernen Disco als auch den noch spärlich vorhandenen Rockschuppen gespielt.

1985 brachte dann für Uriah Heep einen neuen Plattenvertrag beim Portrait-Label und im März stand die neue LP „Equator“ im Schrank. So ganz untätig waren die Heeps im letzten Jahr dann doch nicht gewesen und hatten das neue Album aufgenommen. Tja, und tatsächlich hatte auch hier ein neuer Sound Einzug gehalten. Man versuchte wieder einmal, eingängige Rockmusik zu machen und orientierte sich in Richtung Foreigner. So gesehen haben die Songschreiber Peter Goalby und John Sinclair einen guten Job geleistet.

Zeitgemäße Sounds hat John Sinclair keyboardtechnisch gut umgesetzt und diesbezüglich einen großen Beitrag zur Aktualität geleistet. Leider hat es aber die Band insgesamt nicht verstanden, die modernen Strukturen im Ganzen umzusetzen. Die Songs sind gut arrangiert und enthalten genügend dramatische und interessante Stellen. Gitarre, Bass und Schlagzeug allerdings blubbern alles lustlos herunter, eine Rhythmik fehlt fast vollständig.

Als sehr störend empfinde ich auch die künstlichen Backvocals, oft zwanghaft eingesetzt nach dem Motto, das ist eine traditionelle Heepzutat, das muss hinein. Man könnte sagen, Goalby und Sinclair haben in die moderne Richtung und die anderen Bandmitglieder haben ihren alten Stiefel dazu gespielt. Klingt zwar mal wieder nicht sehr positiv, aber so hört es sich an.

Ganz grundsätzlich ist es aber natürlich auch keine Musik für eine Gruppe, die einmal als harte Rockband mit lyrischem Beiprogramm gestartet war. Von daher war die Platte markttechnisch gesehen voll an den Erwartungen der Rockfans vorbei produziert.
Mit Tony Platt hatte man zwar einen namhaften Produzenten, der z.B. auch schon für Gary Moore gearbeitet hatte, aber der Sound auf Equator ist der gewöhnungsbedürftigste, den die Band je hatte. Das Schlagzeug modern mit effektbeladener Snare und insgesamt klingt alles wie abgesoffen. Der Gesang ist zwar deutlich, klingt aber leider über weite Strecken angestrengt und dadurch anstrengend anzuhören.

Was sagen eigentlich Leute, die auf „Conquest“ schimpfen, zu dieser Scheibe und anderen wie „Different World“?! Von der Zielrichtung her kann man „Equator“ ja durchaus direkt neben „Different World“ stellen. Das war ja wenige Jahre später doch wieder ein schwacher Versuch, gefällige Rockmusik zu machen. Es ist eigentlich gar nicht verständlich, warum sich die Jungs nicht weiter in Richtung des Heavy Marktes orientiert haben, wie auf „Abominog“ und „Head First“. Möglicherweise ging mit Bob Daisley der stärkste Verfechter dieses Einschlags von Bord. Und Peter Goalby als Hauptsongschreiber war eben mehr poporientiert. Ein Novum auf „Equator“ war ja auch, dass auf dem Cover überhaupt keine Songcredits vermerkt sind. Nur auf dem Labelaufkleber auf der Vinylscheibe selbst steht in Klammern Uriah Heep drunter.

Dass die Kompositionen hauptsächlich von Goalby und Sinclair stammen, erfuhr man erst später bei Interviews und Gesprächen mit der Band, die dann immer gern darauf verwies, dass das Endprodukt natürlich ohne den Einfluss der gesamten Band nicht so ausgefallen wäre. Da mögen sie wahrscheinlich Recht haben, nur nicht in Ihrem Sinn.

Besonders enttäuscht war ich übrigens von Trevor Bolder, für mich seit seinen beiden Songs auf „Conquest“ ein Held am Bass. Bei jeder Neuerscheinung seit dem hoffe ich auf vergleichbare Sachen, aber mittlerweile muss man wohl erkennen, dass die Größe der Songs nicht vom Komponisten sondern von damaligen Mitinterpreten geprägt wurden. Auch sein Sound und sein Spiel waren nie besser als auf der 80er LP.

Als Singles wurden die Tracks „Rockarama“ und später „Poor Little Rich Girl“ ausgekoppelt, auch als Maxi-Single und sogar Shapes. Als Single-B-Seiten gab es den Song „Backstage Girl“ und auf den Maxis teilweise noch eine Live-Version von „Gypsy“.
Die Kritik war durchwachsen. In einer Zeitung fand man sogar, allein die letzten vier Songs der zweiten Seite seien schon das Geld für die Platte wert. In der Tat fand der Song „Heartache City“ für Jahre den Weg in das Live-Repertoire.

Bei vielen Fans wurde insbesondere „Poor Little Rich Girl“ als Supersong gefeiert. Wie bereits gesagt, das Songmaterial an sich ist ja gar nicht so schlecht. Was blieb einem als Fan andererseits auch übrig, als sich diese Scheibe schön zu hören? Vergleichen mit den Heep der 70er Jahre konnte man das alles kaum, aber es war ja auch ein anderes Jahrzehnt. Und wir hatten ja nichts anderes von Heep, als eben dieses eine neue Werk. Immerhin eine Heepscheibe der damaligen Gegenwart. Also wurde „Equator“ gefeiert und georgelt. Und wie sich zeigen sollte, war es für lange Jahre das einzige neue Material, das es geben sollte. Das nächste Studioalbum kam erst vier Jahre später!

Damals kam einem eine Wartezeit von über einem Jahr schon dramatisch lang vor. Üblich war schon noch, dass ein Interpret jedes Jahr ein neues Album hervorbrachte. Aber das änderte sich in der Zeit auch, bald wurden es zwei und mehr Jahre. Andererseits kommt einem auch alles länger vor, wenn man jünger ist.

Heephistorisch war es aber auch selten, dass in einem Jahr gar nichts Neues erschien. Leerjahre waren 1979, 1981, 1984 und dann 1986-87, wobei 1988 auch nur eine Livescheibe mit drei neuen Songs erschien. Dann 1990, 1992, 93, 94, 96, 97, 98 Aber was ist das schon alles gegen die aktuelle Gegenwart (2005)? Das letzte Studioalbum kam vor sage und schreibe sechs (6) Jahren heraus!! Aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Zurück ins Jahr 1985.

Im Frühjahr ging die Band auf Tour. Eines der letzten Konzerte der Deutschlandtour sollte Anfang Mai in Göttingen in der Outpost stattfinden. Leider standen wir dann vor einer leeren Halle. Das Konzert sei abgesagt worden. Fertig. Da es die Band mit Peter Goalby dann zwar noch ein Jahr geben sollte, aber keine Konzerte mehr in der Nähe, sollte das Konzert vom 14.11.1983 somit mein einziges dieser Besetzung bleiben und somit das Einzige mit einer anderen als der Shaw-Besetzung, abgesehen von John Lawton’s Aushilfsgastspiel 1995.

Da ist man so lange dabei und hat doch (fast) immer dieselbe Truppe gesehen. So muss ich rückblickend erkennen, dass man als Jugendlicher der 80er Jahre für die eigentliche und abwechslungsreiche Geschichte von Uriah Heep bereits zu spät geboren war !!
1985 lernte ich in meiner Berufsschulklasse dann zwei Jungs kennen, die leidenschaftliche Musiker waren. Wir freundeten uns schnell an und schließlich gründete der Gitarrist mit mir meine erste Band. Ich wechselte vom Klavier zum Bass, weil wir schon einen Keyboarder an der Hand hatten. So geht so was. Schaut mal, wie viele Bassisten bekannter Bands auch noch Tasten spielen. Die Zeit der modernen Disco und Wavemusik war damit für mich dann auch ganz vorbei.

Fortan ging es nur noch in die letzten verbliebenen Rockschuppen. Und man brachte mir Sachen wie Colosseum und Mountain nahe. Zufällig auch 1985 erschien denn auch nach über 10 Jahren eine Reunionscheibe von Mountain mit Ex-Heep Mark Clarke. Gerade hatten wir’s: er spielte Bass. Live griff er auch in die Tasten und sang stellenweise Leadvocals. Zu sehen bei der Aufzeichnung vom gemeinsamen Konzert gemeinsam mit Deep Purple in Paris, das damals übertragen wurde.

Ich entdeckte auch noch einen späteren Supergitarristen, nämlich Steve Vai, der sein Debüt in der härteren Szene genau wie Yngwie Malmsteen bei Graham Bonnets Band Alcatrazz hatte. Dann tauchte bei David Lee Roths Band auf zusammen mit weiteren Supermusikern wie Billy Sheehan. Will sagen, während manche älteren Rockbands den Anschluss verpassten, entwickelte sich auch eine neue Rockszene aus jüngeren und musikalisch sehr versierten Leuten, die bis heute den Ton angeben.

1985 wurde ich im Metal Hammer auf Kleinanzeigen eines gewissen Bernd Pleis aus München aufmerksam: „suche restlos alles von Uriah Heep“. Dann firmierte er als Uriah Heep Fanclub. Da wurde es Zeit, dem Jungen mal zu schreiben, was ich Ende des Jahres mehrere Seiten lang tat. Einige Zeit später antwortete mir schließlich Roland Lergetporer aus Österreich. Ich trat dem Club bei, der sich bereits 1984 gegründet hatte. Die ersten drei Ausgaben des ursprünglich „Do You Know“ betitelten Infoblattes (erste Ausgabe mit 4 Seiten im DIN A5 Format) erschienen im Herbst 1985. Die TIMES feiert somit dieses Jahr den zwanzigsten Geburtstag!

Thomas Schaumburg, 2005

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