Alter Sound auf neuen Scheiben (Rezension von Thomas Schaumburg)

Als Fan des Sounds der frühen 70er Jahre bin ich stets auf der Suche nach Bands gewesen, die diesen Sound leben und womöglich noch auf der Bühne spielen. War diese Suche seit den 80er Jahren quasi erfolglos (wenn man von der Entdeckung entsprechender Platten aus den alten Zeiten selbst absieht), so hat sich das im neuen Jahrtausend erfreulicherweise geändert. 

Durch die Welle der neuen progressiven Bands ist die Musik der70er Jahre plötzlich wieder belebt worden. Da gibt es die populärere Richtung, die den Stil der ausufernden Songstrukturen mit aktuellen Instrumenten spielen, federführend seien da die Bands und Projekte von Leuten wie Neal Morse und Roine Stolt genannt (Spock’s Beard, Transatlantic, The Flower Kings, The Tangent). Daneben gibt es Bands, die den alten Stil auch mit den originalen Instrumenten spielen (man nennt das dann „alter Sound“, wobei nicht alle Hörer in der Lage sind, das zu unterscheiden. Das Album „Seven“ der Band Magenta kaufte ich nämlich auf entsprechenden Hinweis bei justforkicks.de – und siehe da: keine Spur von altem Sound, „nur“ Transistororgeln und moderne Sounds bei allen Instrumenten. Ich erinnere ebenfalls an die angeblich richtige Hammond auf Uriah Heep’s „Sea Of Light“). Um das auch für Laien mal ganz klar abzugrenzen: von der Firma Hammond gibt es natürlich auch neuere Modelle, insbesondere die XB2. Diese imitieren zwar den Sound der alten Modelle, sind aber keine elektromagnetisch betriebenen Orgeln. Vereinfacht gesagt: die  hier gemeinten „richtigen“ Hammondorgeln sind von einem Motor angetrieben, der Ton wird elektrisch-mechanisch erzeugt, die anderen Orgeln erzeugen Töne auf elektronische Weise.

Alter Sound erfordert für meine Begriffe also originale Hammondorgeln (namentlich die Modelle B3, C2/3, A100, M100, L100, u.a.) mit oben beschriebener Funktionsweise, Wurlitzer und Rhodes Pianos, Mellotrons, Clavinets und entsprechend zeitgemäße Gitarrensounds (die kann ich jetzt mangels Sachkenntnis leider nicht genau beschreiben). In der Tat ist es möglich, bei bestimmten Händlern solche alten Instrumente zu kaufen und nicht unbedingt teuer. Mein Händler erzählte, dass er die meisten Hammondorgeln nach Italien liefert. In der Tat stellte ich beim Erhalt einer Lieferung von vier neuen CDs mit 70er Musik fest, dass zwei der Bands, die ich entdeckt hatte, italienische Bands sind. Aber auch in Deutschland tut sich in dieser Richtung etwas. Eine Band war eine deutsche und die vierte eine Schwedische.

Zwei dieser vier CDs möchte ich hier vorstellen, um sie Liebhabern des 70er Jahre Sounds nahe zu bringen. Erwähnen möchte ich noch, wie ich dazu gekommen bin. Seit einigen Jahren gibt es das Musikmagazin „Eclipsed“, das sich vornehmlich mit progressiver und Musik der 60er/70er Jahre beschäftigt. Das Magazin startete als Fanclubzeitung von Pink Floyd und hat sich über die Jahre als Bibel für eine ganze Stilrichtung etabliert. Das geht von den Beatles über Queen bis Porcupine Tree, von Kraan bis Ton, Steine, Scherben.

Den Ausgaben sind CDs mit verschiedensten Songs beigefügt. Von relativ bekannten Künstlern wie Spock’s Beard über John Wetton bis zu Arena und völlig unbekannten Bands wird dort eine ziemliche Bandbreite an alternativer (für den heutigen Normal-Monotonradio-Hörer) bis progressiver Musik vorgestellt. Und dort gibt es für jeden Rockfan einiges zu entdecken.

Die hier vorgestellten Bands habe ich auf den Eclipsed-Samplern entdeckt. 

London Underground – Through A Glass Darkly (2003)

Weder von der Musik noch vom Gesang kommt eine mediterrane Assoziation auf, die Klänge verbreiten ein wahnsinnig  authentisches 70er Feeling.  Und doch handelt es sich hier um eine Band aus Italien. Als Liebhaber progressiver Kläge der frühen 70er Jahre denkt man natürlich zuerst an englische Gruppen, die den Sound damals prägten. Wer aber ebenfalls Italien mit seinen alten Städten und Dörfern und den irgendwie immer verträumt wirkenden Landschaften kennt, der kann diese auch vortrefflich mit dieser Musik und diesem Sound verbinden. Alte toskanische Palazzi, abbröckelnde Fassaden zu Hammond und Mellotron – das paßt irgendwie auch gut zueinander.

Die CD der vier Italiener also wurde bereits in den Jahren 2001 und 2002 in Florenz (na also!) aufgenommen. Die Besetzung besteht aus singendem Schlagzeuger, Organist, Bassist und Gitarrist. Gastmusiker steuern Saxofon und Querflöten bei.

Auch das Cover und Booklet der CD sind sehr ansprechend im 70er Stil aufgemacht, ausgesuchte Texte sind abgedruckt und mit Zeichnungen verziert. Optisch lassen sich die Musiker anhand der Fotos auf mittleres Alter schätzen, insbesondere Sänger und Drummer Daniele Caputo sieht original wie auf einem Foto aus den 70er Jahren aus. Von den elf Songs sind neun eigene Werke. Zwei eigenständige Coverversionen stammen von Vorbildern aus der glorreichen Zeit: „Can’t Find The Reason“ von Atomic Rooster (Hammondlegende Vincent Crane) und „Travelling Lady“ von Manfred Mann. 

Der Song vom Eclipsed-Sampler, der mich auf die Spur führte, war „Sermonette“. Ich behaupte schlicht, da steckt in puncto Feeling für eine Zeitreise in die 70er Jahre und Abspannen von der Gegenwart alles drin. Der kurze von Vergänglichkeit handelnde Text spiegelt das wieder. Nach Hören dieses Songs mußte das ganze Album unbedingt her.

Der wie herüber gewehte Gesang zu „The Days Of Man“ läßt einen ebenfalls gleich entschweben, entrückende Harmonien untermalen dies, bis einen dann die Hammond in den Griff nimmt. Bei „End Of The Race“ übernimmt die Hammond das Leitthema, was man auch sehr selten hört.

Alle Titel enthalten entspannte bis massive Hammondeinsätze und sind durchweg im „alten“ Sound gehalten. Solistische Einlagen kommen meist auch von Tasteninstrumenten. Die Bandbreite reicht von sehr ruhigen bis zu rockigen Nummern. Alles recht eingängig mit mehrstimmigem Gesang, keinerlei Gefrickel und auch kein heavy Riffs, auch wenn sie es mal krachen lassen. Manchmal fühlt man sich deutlich an Procul Harum oder an Spooky Tooth erinnert. Mit deren Musik kann man London Underground wohl am besten vergleichen. Wer die Hammond mag, wird dieses Album auch mögen.

Moongarden – ´Round Midnight (2003)
Musikalisch aus ähnlicher Richtung kommen Moongarden. Geografisch ebenfalls aus Italien. Anhand der Musik ist dies hier ebenfalls keinesfalls feststellbar. Im Gegensatz zu London Underground werden allerdings öfter analoge Keyboardsounds eingesetzt, teilsweise kommen also 80er Klänge wie bei Wave-Rock-Bands hinzu, was insgesamt einen moderneren Eindruck hinterläßt. Der Gitarrensound klingt teils neoprogressiv, meist wird sie begleitend und oft mit verhallenden Effekten eingesetzt. Bass und Schlagzeug klingen auch moderner. Auffällig ist die akustisch hervorgehobene, für mich hier aber überraschend gut klingende, staubtrockene Snaredrum. Für mein Empfinden paßt der Bandname sehr gut zur Musik. Moongarden sind fünf Leute in klassischer Besetzung. 

Optisch ist das Album absolut modern aufgemacht mit kühlen Farben und Fotomontagen auf weißem Unterground, in verschiedenen Schrifttypen gesetzten Titeln. Auch die Bandfotos zeigen die Herren unisono in weißen Hemden mit schwarzer Krawatte und überwiegend Kurzhaarschnitten. Die Songs sind überwiegend ruhig und sphärisch, dauern meist fünf bis sieben Minuten. Zwei kürzere und ein über zehnmütiger Track sind auch dabei. Dieser fängt dann fast heavy an und entwickelt sich zu einem vielseitigen Epos.

Auslöser für mein Interesse war hier der Titelsong, der sich fast acht Minuten leicht sphärisch ausbreitet. Besonders angetan hat es mir der Übergang zum Refrain, eine Wahnsinnsstelle. Die Spannung steigt, staut sich auf und fließt dann entspannt im Refrain aus, auch textlich: „…feels like..like…falling weightlessly …to the ground …everything is fading away“. Inhaltlich geht es aber doch mehr um ein Treiben in der modernen industrialisierten und entmenschlichten Welt.

Der Song „Wounded“ ist von ähnlicher Spannung und auch gut für eine satte Procul Harum-Attitüde. Beiden Songs fließen in sehr schönen langen Gitarrensoli aus, hier ist wohl eine Paul Reed Smith im Einsatz.

Das weitere Material ist überwiegend ruhig und sphärisch, aber nicht ohne Kraft. Der zweite Song „Wounded“ steigert sich langsam, der Druck von Hammond und Mellotron nimmt ständig zu. Am Ende schließt ein langes getragenes Gitarrensolo den Song malerisch ab. Erinnert schon irgendwie an den Salisbury-Sound gepaart mit Return To Fantasy, nur eben moderner. „Slowmotion Streets“ schwebt irgendwie völlig zeitlos schwerelos durch den Raum, meditativ. Anschließend reißt eine fette Gitarre da wieder raus und ein schweres Soundgewitter mit fetten Baß und schwerer Orgel stampft zehn Minuten lang los, angetrieben teils auch von Beckengewitter und Doublebassschüben. Eine Orgelfigur bleibt im Ohr hängen, irgendwo bei ELP oder so, gibt’s ein ähnliches Motiv. Schöne schwermütig getragene Gesangsstimmen fügen sich später ein. Gitarrenbögen hellen die Stimmung weiter hinten etwas auf. Ein Monstersong.

Alle Songs auf diesen Scheiben sind hörenswert. Man muß sich wirklich die Zeit nehmen, sich das alles mal in Ruhe anzuhören. Es ist ein Wohltat inmitten der vielen Sachen, die man heute überall hört. Die Musik hat die Tiefe, die man auf alten Scheiben der 70er auch finden kann. Ganz unverbraucht und ohne auf irgendwelche Strömungen zu achten. Und in der Tat gibt es auch noch weitere Bands, auf die diese Attribute passen. Zum Beispiel die Hamburger Band Sylvan. Aber darüber vielleicht mal später.

Thomas Schaumburg, 2005

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